Das unentdeckte Land: die Zukunft von Open Source!
27. Mai 2008, 13:20 Uhr, SoftwareZunächst muss ich voranstellen, dass ich den Begriff Open Source, da er durchaus populärer und gebräuchlicher ist, zwar in diesem Text verwende, mir der Begriff der “Freien Software” aber geeigneter erscheint. “Frei” trifft viel mehr den Kern der Sache. “Open Source” kann auch Software sein, die durch Lizenzbedinungen so geschützt sind, dass man sie gar nicht verwenden darf. Das “Frei” ist quasi gezwungen das “Open” mitzubringen, umgekehrt ist das aber nicht der Fall. Perfekt ist natürlich der Begriff der “Freien Open Source Software”, aber dieses Monster will ich auch niemandem zumuten.
Eine ganz kurze Geschichte
Beschäftigt man sich mit der Geschichte von Software, bemerkt man, dass sie eigentlich mit Open Source angefangen hat. Bis in die 70er Jahre hinein war Open Source die Regel und auf den Gedanken den Quellcode zu verheimlichen und Software für Geld zu verkaufen war kein Mensch gekommen. Hardware wurde verkauft, nicht Software. Das änderte sich, als der Endbenutzer auf der Weltbühne erschien und als zahlungswilliger Kunde entdeckt wurde.
Die Einheit von Entwickler und Anwender
Zuvor war Software nur für höchst spezialisierte Anwendungen und Zielgruppen geschrieben worden. Der Anwender (damit meine ich jetzt den Techniker in der EDV-Abteilung und nicht notwendiger Weise auch den Endanwender vor dem Terminal) war technisch hoch gebildet und in der Lage den Source Code bei Bedarf anzupassen und zu verbessern. Hier lebte der berühmte Open Source Gedanke von der verteilten und gemeinsamen, weltweiten Softwareentwicklung, von der “Symbiose” von Entwickler und Anwender.
Die Achtziger
Als der Verkauf von Software möglich wurde, trennte sich zwangsläufig die Einheit von Entwickler und Anwender. Nur in einigen hochspezialisierten Nischen, zum Beispiel in der Serverwelt von Unix, überlebten aber noch Gedanke und Praxis von Open Source. Dort merkte man kaum etwas von der Kommerzialisierung der Software in den anderen Teilen der virtuellen Rechnerwelt. Das GNU Projekt wurde gegründet und bildete die theoretische Basis für eine zukünftige Gesellschaft der freien Software.
Der restlichen Welt gab es diese Einheit nicht mehr, der Anwender verlernte die Fähigkeit zu Programmieren und es wurde üblich für Software zu bezahlen.
Die Neunziger
In den Neunzigern entstand der Open Source-Boom mit Linux in der breiten Öffentlichkeit. Open Source wurde hochgelobt und hochgejubelt. Die Idee, kein Geld für Software zahlen zu müssen, fand besonders in Deutschland seine Freunde und gipfelt in der Forderung Software müsse grundsätzlich Open Source und kostenlos sein. Der Kommunismus erlebte hier seine digitale Renaissance. Linux auf dem Desktop des Endanwenders war die große Utopie, die bis heute aber nie erreicht wurde.
Die Realtiät klopt an
Aber Open Source war nicht für diese Szenario bestimmt. Damit Open Source funktioniert müssen Entwickler und Anwender identisch sein, nur so funktioniert die Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung der Software.
Ein weiteres Problem entstand: Blickte bisherige Open Source-Software auf eine lange Geschichte zurück, war lange getestet und von hoher Qualität, so waren die neue Generation von Open Source Produkten gerade erst entstanden und so per se von schlechter Qualität als ihre Ahnen. Bis Ende der 90er Jahre litt der Ruf von Open Source stark unter diesem Qualitätsdefizit.
Der Anwender wird zum Beta-Tester
Da der Anwender kein Entwickler war, entwickelte er sich zwangsläufig zum Beta-Tester: Das Open Source-System erzwang quasi diese aktivere Rolle vom Anwender. Dadurch verschlechterte sich der Ruf von Open Source noch weiter. Eine ähnliche Rolle spielte zwar mittlerweile auch der Anwender von Closed Source, das ist hier aber nicht von Belang.
2000++
Serverseitig war Open Source bereits im Internet herrschend, aber nun entdeckten auch klassische EDV-Strukturen die serverseite Qualität und Nutzen von Open Source. Anfang des neuen Jahrtausends etablierte sich Open Source dank Linux nun auch im Business-Umfeld: kleinere und mittlere Unternehmen setzten im Aufbau ihrer IT-Infrastrukt immer häufiger auf Linux und Open Source. Ab 2005 war Linux in der IT-Infrastruktur eines Unternehmens kein Schimpfwort mehr. Der Ruf von Open Source war hier wieder rein gewaschen.
Zielgruppe Endanwender
Auf dem Desktop des Endanwenders sucht man aber aber weiterhin noch vergeblich nach Open Source. Firefox oder Thunderbird dürften Ausnahmen sein, aber die Großzahl der Anwendungen und das Betriebssystem des Endusers bleiben aber Closed Source. Die katastrophale Qualität von Vista hätte für Linux eine Chance sein können, aber zur Zeit sieht es eher so aus, als ob Mac OS X davon profitieren würde.
Heute
In den (technischen) Bereichen, in denen Entwickler und Anwender identisch oder sich zumindest sehr nah sind, hat sich auch die neue Generation von Open Source etablieren können. Große Hardware-Unternehmen fördern diese Open Source Produkte, da sie diese auch gut mit ihrer Hardware verkaufen können. So wie es in den Anfängen war: Hardware wird verkauft und nicht die Software. Die Open Source Bewegung hat in den Neunzigern einen großen Marsch begonnen und ist wieder da angekommen, wo sie gestartet ist.
Die Zukunft
Wenn man Open Source in der IT-Infrastruktur spricht, dann dürfte hier die Zukunft von Open Source gesichert sein. Software wurde hier schon fast zum Allgemeingut. Aber es sieht anders aus, wenn man von Open Source für Endanwender spricht.
Rechts und Links vom Weg sind bei dem großen Marsch die Projekte, deren primäres Zielgruppe Endanwender waren, liegengeblieben. Sie bekamen keine Unterstützung der Hardware-Industrie und leiden bis heute unter dem Manko der Unprofessionalität. Ausnahmen wie Firefox bestätigen eher diese Regel, als sie zu widerlegen.
Betrachtet man diese Open Source Projekte über die letzten Jahre, dann entsteht der Eindruck, dass sich Darstellung, Inhalte und die Qualität dieser Produkte sich in den letzten zehn Jahre nicht wirklich weiterentwickelt haben. Die Quantität ist gestiegen, aber nicht die Qualität. Den Vorteil der Einheit von Entwickler und Anwender findet man hier erst recht nicht und dieser Nachteil wird auch nicht durch Unterstützung von Dritten ausgeglichen.
Wenn sich hier nicht etwas ändert, dann wird sich Open Source in der Breite niemals durchsetzten können.


Olli